Traumreise

T+11 oder Seemannsgarn eines Busguides

Das Bingo-Drama dieser Reise wird langsam zum Running Gag. Wir hatten uns im Tag geirrt. Zweimal. Das große Finale steigt tatsächlich erst heute Abend.

Um die Zeit bis dahin sinnvoll zu überbrücken, stand heute ein kleiner Tapetenwechsel an. Raus aus Norwegen, ab nach Schweden. Eine Stunde Fahrt von Narvik entfernt zum zugefrorenen und tiefverschneiten See Vassijaure. Warum der Grenzübertritt? Laut unserem Guide sind Schneemobile in Norwegen aus Umweltschutzgründen für solche touristischen Spaßtouren schlichtweg nicht zugelassen. Nach seinen späteren Ausführungen stand seine Glaubwürdigkeit bei uns zwar hart auf der Probe, aber hier hatte er zur Abwechslung mal recht: Norwegens Gesetze für motorisierten Verkehr in der Natur sind extrem strikt. Die Schweden sehen das glücklicherweise etwas lockerer.

Sandra hatte aus dem Nordkap-Wahnsinn gelernt. Kaum waren die Maschinen in Sicht, marschierte sie zielstrebig zu den vordersten Schneemobilen im Konvoi. Es galt um jeden Preis zu verhindern, dass sich wieder so eine menschliche Handbremse zwischen uns und den Spaß schiebt – so ein Experte wie bei der Quadtour, der den Gashebel aus purer Ehrfurcht nie über die 40-km/h-Marke gedrückt hat. Taktik voll aufgegangen. Freie Bahn.

Nach dem arktischen Überlebenskampf am Nordkap war das heute die reinste Wellness-Fahrt. Bestes Wetter, strahlender Sonnenschein und endlose weiße Weite. Wir haben uns auf der Maschine fair abgewechselt: Einer durfte den Gashebel ausreizen, der andere hat währenddessen von hinten die Landschaft fotografiert. Mit dem Schneemobil über diesen massiven Eispanzer zu brettern, macht den Kopf erstaunlich frei. Es ist genau der Kontrast, den man braucht, wenn man sich vorher stundenlang Gedanken über das Klassensystem auf Kreuzfahrtschiffen gemacht hat. Einfach mal nur Eis, Maschine und Geschwindigkeit.

Auf dem Rückweg im Bus gab es dann vom Guide noch eine exklusive Lektion in „alternativer Geologie“. Er erklärte uns völlig ernsthaft, dass die massiven Fangnetze an den Berghängen hier wegen der tektonischen Bewegungen aufgehängt wurden. In Norwegen.

Nun ja. Skandinavien liegt bekanntlich mitten auf der eurasischen Kontinentalplatte und ist geologisch ungefähr so tektonisch aktiv wie ein knochentrockener Schwamm. 1900km bis zur nächsten Verwerfung. Was dort an den Hängen wirklich passiert, ist simple Frostsprengung: Wasser friert in den Felsspalten, dehnt sich aus, sprengt den Stein, und die Schwerkraft sorgt für Steinschlag und Lawinen. Dagegen helfen die Netze. Aber hey, „tektonische Bewegungen“ klingt für Touristen im Bus natürlich direkt nach Hollywood-Katastrophenfilm und deutlich spektakulärer als schnödes Wetter.

Egal, der Ausflug war großartig. Jetzt geht es zurück aufs Schiff, nach der Action im schwedischen Schnee trennen sich unsere Wege für den späten Nachmittag erst einmal auf die denkbar krasseste Weise. Während ich mich mental auf das Bingo-Finale vorbereite *PROST*, begibt sich Sandra in die Hände der Wellness-Abteilung. Eine Lomi Lomi Massage im Tempelstil steht auf dem Programm. Das ist so ziemlich das spirituelle Gegenteil von einem Schneemobil-Auspuff im Gesicht – viel Öl, sanfte Klänge und vermutlich deutlich weniger tektonische Erschütterungen als auf dem Rückweg im Bus.

Aber dann, wenn sie tiefenentspannt aus dem Tempel schwebt, schlägt die Stunde der Wahrheit. Wir ziehen in die Schlacht um den Schiffsjackpot.

Es wird eine Bingo-Eskalation im reinsten Seniorenstil. Wer glaubt, dass es hier ruhig zugeht, hat die Entschlossenheit von 200 Rentnern unterschätzt, die ihre Rentenlücke mit einer TUI-Guthabenkarte schließen wollen. Die Anspannung im Raum ist greifbar, die Kugeln rollen, und wir sind bereit.

Sollten wir gewinnen, erfahrt ihr es vermutlich aus den Nachrichten. Sollten wir – was statistisch gesehen fast sicher ist – leer ausgehen, wird der Frust professionell mit ein, zwei, drei Kaltgetränken an der Bar weggespült.

In diesem Sinne: Augen auf bei der Zahlenwahl. Wir hören uns morgen – hoffentlich als Millionäre oder zumindest mit einer sehr guten Geschichte über die Beinahe-Million.

Eure Sandra und Robin

 

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