Der Tag beginnt, wie immer nach einer unruhigen Nacht auf See, verhältnismäßig gut. Die Taktik des Kapitäns, das Schlimmste zu umfahren, ist aufgegangen. Wir hatten keine Monsterwellen, sondern nur „katastrophale“ Wellen. Reicht auch völlig. Wir waren jedenfalls pünktlich in Ålesund.
Beim Frühstück wollten offensichtlich alle früh von Bord, die Tische waren restlos belegt. Wir landeten schließlich an einem Tisch, der für mobilitätseingeschränkte Gäste vorgesehen ist. Dort trafen wir ein älteres Paar wieder, dessen Geschichte für uns bereits an Tag 2 mit dem ersten Seegang begann. Er, älteren Semesters und nicht mehr gut zu Fuß, hatte beim Packen zu Hause seinen Gehstock vergessen. TUI bot ihm an Bord als Alternative einen Rollator an. Aber das ließ seine Eitelkeit nicht zu. Er war sich schlichtweg zu fein dafür.
Jetzt, an Tag 13, saßen wir also wieder zusammen und erfuhren: Der Mann hat das Schiff seit dem Start in Deutschland nicht ein einziges Mal verlassen. Auf die Nachfrage, warum sie nicht einfach im ersten oder zweiten Hafen einen Stock gekauft haben, kam die Antwort: „Meine Frau hat es in einem Hafen mal probiert, einen Stock zu bekommen. Hat nicht geklappt.“ Und das war’s. Thema erledigt. Garniert wurde die Kapitulation noch mit der Ausrede: „Ich habe ja auch noch andere Probleme, mit der Luft zum Beispiel.“
Also verbringt man lieber 13 Tage auf dem Kahn, verlässt das Schiff nicht ein einziges Mal und nörgelt darüber, dass TUI keinen Stock parat hat, anstatt über den eigenen Schatten zu springen und den Rollator zu nehmen.
Und dieses Rumnörgeln haben wir auf dieser Reise in allen denkbaren Variationen gehört. Keine Landausflüge mehr frei, das Essen passt nicht, die Smarties am Eisbuffet sind alle, man findet keinen Platz, keiner kümmert sich, das Personal fängt exakt um 08:00 Uhr an und keine Minute früher.
Sollte ich jemals so werden: Schubs mich bitte jemand vor einen Bus, von einer Brücke oder direkt in den Ozean. Bitte! Ja, auch ich habe mal schlechte Tage. Es scheint einem nicht immer die Sonne aus dem Hintern. Aber verdammt noch mal, man muss doch versuchen, das Maximum aus den Gegebenheiten herauszuholen. Wenn es mit der Prothese an einem Tag nicht geht, dann laufe ich eben an Krücken. Und wenn das nicht geht, nehme ich den Rollstuhl.
Es ist schlichtweg erlaubt, in allen Variationen Spaß zu haben und etwas zu erleben! Nur weil ich meine Multi-Tausend-Euro-Prothese mal nicht benutze, muss ich mich nicht schlecht fühlen. Alle anderen Varianten dürfen und sollten genauso Spaß machen. Keine Eitelkeiten. Kein Schämen, ein anderes Hilfsmittel zu nutzen. Die einzige Person, die durch diesen falschen Stolz etwas verliert, ist man selbst. Nichts ist schlimmer als absoluter Stillstand – und sich dann auch noch genau darüber zu beschweren, wenn man selbst absolut nichts unternimmt. Nörgler. Augenrollen.
Aber genug davon. Ålesund!
55.000 Einwohner, im Jahr 1904 komplett niedergebrannt und danach – auch durch die private und finanzielle Hilfe von Kaiser Wilhelm II. – wieder aufgebaut. Das Ergebnis zeigt sich heute in einer Altstadt voller wunderschöner Jugendstil-Häuser. Es macht wirklich Spaß, dort durchzutingeln und sich die Architektur anzusehen.
Was allerdings in diesen Innenstädten hart nervt, ist die viel zu hohe Dichte an reinen Touristenläden, die alle exakt das gleiche Gelumpe verkaufen. Aber sei’s drum. Die Art und Weise, wie die Norweger an der Küste auf die Idee kommen, Städte zu bauen, wo andere Länder nur Ziegen halten würden, ist ohnehin speziell. Es geht permanent steil bergauf und bergab. Im Hintergrund thront ein massives Alpen-Panorama, und direkt davor liegt das spiegelglatte Wasser. Es erinnert streckenweise ein wenig an den Gardasee. Nur eben deutlich kälter.
Damit verabschieden wir uns. Nach einem wirklich starken Urlaub an Bord und hier in Norwegen stehen wir tatsächlich mit ein bisschen Pipi in den Augen da und winken Ålesund zum Abschied. Ein letzter Tag auf See, und dann ruft die Heimat. Oooooooh hooooo, große Freiheit! Ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht unser letztes Mal in Norwegen war. Wenngleich ich mir für die Zukunft durchaus andere, etwas individuellere Wege der Entdeckung vorstellen kann als das Kreuzfahrtschiff. Und auch wenn wir beide froh sind, den Kahn am Sonntag zu verlassen, schwingt da doch ein kleiner Hauch Wehmut mit. Ganz vielleicht ist das nächste Abenteuer in unbekannten Gefilden ja schon in Planung
Eure Sandra und Robin