Während andere darüber diskutieren, ob sie nur mit Handgepäck reisen oder welches Abendoutfit noch mit muss, stehe ich vor einer Kofferwaage, die mein Feind ist.
Auf einer Kreuzfahrt ist das kein Thema. Aber im Flieger sind 23 Kilo das Gesetz. Weil mehr einfach unverschämt teuer wird. Und 23 Kilo sind verdammt wenig, wenn man nicht nur Kleidung einpackt, sondern sein halbes Ersatzteillager.
Man packt als Amputierter nämlich nicht für den Urlaub. Man packt für den Ernstfall. Es gibt kaum ein beschisseneres Gefühl, als an einem wunderschönen Ort zu sein und plötzlich zum Zuschauer degradiert zu werden, weil eine einzelne Schraube oder ein Silikonteil aufgegeben hat.
Meine Packliste sieht deshalb weniger nach „Sommer, Sonne, Strand“ und mehr nach mobiler Werkstatt aus:
• 4er und 2er Inbus (die heiligen Gralshüter meiner Statik).
• Ersatzschaft und Zweitprothese (weil ein „Ersatzbein“ kein Luxus ist).
• Die winzigen Schrauben, die den Silikonschaft halten.
• Ersatzfuß und eine Rolle Gaffatape.
• Unterarmgehstützen (die Versicherung, falls gar nichts mehr geht und man nicht aufm Hintern durch die Welt rutschen möchte).
• Das immergleiche Paar Schuhe – gleich doppelt, damit die Statik der Prothese auf den Millimeter stimmt.
Ich habe keine drei Jahre Ausbildung zum Orthopädietechniker und erst recht keinen Meistertitel. Aber im Notfall sitze ich allein im Hotelzimmer und versuche mit einem Inbus das zu retten, was sonst Profis in der Werkstatt justieren.
Es geht dann nicht um die perfekte Statik oder den ästhetischen Gang. Es geht um die reine Teilhabe. Man schraubt, hofft und wird zum MacGyver der eigenen Anatomie, damit man irgendwie weiter „rumhumpeln“ kann – jenseits jeder Lehrbuch-Norm. Nur um eben dabei zu sein, statt nur davon zu hören.
Jeder, der das Wort Schrauberehre versteht, weiß: Es ist das Schlimmste, irgendwo in der Pampa zu sitzen mit dem Gedanken: „Hätte ich an dieses eine Werkzeug gedacht, könnte ich das jetzt und hier reparieren.“
In diesem Moment geht es nicht nur um die Mobilität – es geht um den Stolz, nicht wegen einer Kleinigkeit aufzugeben. Es ist der Unterschied zwischen „Ich muss abbrechen“ und „Ich hab’s im Griff“.
Am Ende bleiben von den 23 Kilo vielleicht noch fünf für den eigentlichen Menschen übrig. Der Rest ist die Vorsorge in Form von Aluminium, Carbon und Stahl.
Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Die Gewissheit, dass ich für meine Freiheit deutlich schwerer schleppen muss und zur Not deutlicher tiefer in die Tasche greifen.
Euer Robin